Erläuterungen zu den zukunftsfähigen, aufeinander aufbauenden Visionen für eine nachhaltige, gerechte und friedliche Weltordnung

 
 
„Wenn jedoch – wie immer gesagt wird – die Utopien von gestern die Realitäten von heute sind, so gilt auch gleichermaßen, daß den Realitäten von morgen Utopien von heute vorausgehen müssen.“
„Andauernd Horrornachrichten kann ich nicht ertragen. Aber wenn ich mich engagiere, halte ich auch solche Nachrichten psychisch besser aus.“
Dürr
Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Peter Dürr (1929-2014) Physiker, Alternativer Nobelpreisträger, Lehrstuhl- Nachfolger von Werner Heisenberg, Gründer einer Weltfriedensinitiative, Ex-Vorstandsvorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW)

Planetarisches Bewusstsein

Die Gedanken der Astronauten verschiedener Kulturen beim Anblick der Erde aus dem All in dem Bildband „Der Heimatplanet“ spiegeln bereits ein planetarisches Bewusstsein genauso wider wie die ersten beiden Sätze in Albert Einsteins Buch „Mein Weltbild“, in denen er von uns „Erdenkindern“ und von unserem „kurzen Besuch“ auf unserem Heimatplaneten spricht. Aus diesen Makroperspektiven kommt das im schwarzen Nichts gleitende „Raumschiff Erde“ mit seiner Natur- Lebens- und Kulturvielfalt ins Bewusstsein, die im drastischen Kontrast zum leblosen Mond steht. Durch „geistiges Zoomen“ können auch wir dieses planetarische Bewusstsein aufspüren.

Interkultureller Humanismus

Interkultureller Humanismus bezeichnet eine Haltung, die der Vielfalt der Weltanschauungen, Kulturen und Religionen mit Respekt begegnet und ein menschenwürdiges, friedliches Zusammenleben im Einklang mit der Natur anstrebt. Ein friedliebender Humanismus findet sich in allen Kulturen und Religionen wieder, allerdings auch viel Gewalt, Hass, Überheblichkeit, absoluter Wahrheitsanspruch.

Weltethos

siehe auch www.weltethos.org

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans Küng veröffentlichte 1990 sein Buch „Projekt Weltethos“, das auf der Grundidee beruht, in der Vielfalt der Religionen, Kulturen und Weltanschauungen einen ethischen Minimalkonsens aufzufinden, der die Grundlage für das Zusammenleben auf unserem „Heimatplaneten“ bilden könnte. Zu diesem weltethischen Minimalkonsens gehört die bekannte Goldene Regel: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“, die es in ähnlichen Formen in allen Religionen gibt. Zum Minimalkonsens gehören auch grundlegende Weisungen zur Gewaltfreiheit, Solidarität, Wahrhaftigkeit und gleichberechtigte Partnerschaft. Die Weltethos-Idee findet weltweit prominente Unterstützung wie z.B. durch: UN-Generalsekretär Kofi Annan, Altbundespräsident Horst Köhler, Altbundeskanzler Helmut Schmidt, Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, den Physiker, Philosophen und Universalgelehrten Carl Friedrich von Weizsäcker um nur einige zu nennen, aber auch durch das Parlament der Weltreligionen und den InterAction Council ehemaliger Staats- und Regierungschefs (http://www.interactioncouncil.org ). Seit 1995 engagiert sich die Stiftung Weltethos für die Ausbreitung der Weltethosidee als moralische Basis für Weltpolitik, Weltwirtschaft, Weltzivilgesellschaft z.B. über die Bildung. Die Weltethos-Idee bildet eine interkulturelle moralische Unterstützung der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der UNO (1948).

Erdcharta

siehe auch: Video zur Erdcharta und http://erdcharta.de )

Auch die Erdcharta bildet eine globale moralische Grundlage für das Zusammenleben auf unserem Heimatplaneten, die besonders das Prinzip der Nachhaltigkeit akzentuiert. Das Anliegen der Erdcharta wird schon in der Präambel deutlich:

"PRÄAMBEL
Wir stehen an einem kritischen Punkt der Erdgeschichte, an dem die Menschheit den Weg in ihre Zukunft wählen muß. Da die Welt zunehmend miteinander verflochten ist und ökologisch zerbrechlicher wird, birgt die Zukunft gleichzeitig große Gefahren und große Chancen. Wollen wir vorankommen, müssen wir anerkennen, dass wir trotz und gerade in der großartigen Vielfalt von Kulturen und Lebensformen eine einzige menschliche Familie, eine globale Gemeinschaft mit einem gemeinsamen Schicksal sind. Wir müssen uns zusammentun, um eine nachhaltige Weltgesellschaft zu schaffen, die sich auf Achtung gegenüber der Natur, die allgemeinen Menschenrechte, wirtschaftliche Gerechtigkeit und eine Kultur des Friedens gründet. Auf dem Weg dorthin ist es unabdingbar, dass wir, die Völker der Erde, Verantwortung übernehmen füreinander, für die größere Gemeinschaft allen Lebens und für zukünftige Generationen."

Zu den prominenten Unterstützern der Erdcharta gehören Michail Gorbatschow und die von ihm 1992 gegründete Organisation Green Cross International http://www.gcint.org , der Dalai Lama, die Tier- und Umschutzaktivistin Jane Goodall, die Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai, der Ex-Weltumweltminister Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Töpfer, die Ökologin Christine von Weizsäcker. Auch Papst Franziskus hebt die Erdcharta in seiner Nachhaltigkeits-Enzyklika „Laudato Si“ positiv hervor.

Die nur 5-seitige fantastische Erdcharta unter: http://erdcharta.de/fileadmin/Materialien/Erd-Charta_Text.pdf

Weltinnenpolitik

Der Physiker, Philosoph, Friedensforscher und Universalgelehrte Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Carl Friedrich von Weizsäcker prägte 1963 den Begriff Weltinnenpolitik“. Aus der Perspektive eines planetarischen Bewusstseins werden die „Außenpolitiken“ der Staaten als noch ungeregelte „Welt-Innenpolitik“ auf unserem Heimatplaneten wahrgenommen. Die drohende Klimakatastrophe, die Vernichtung der Artenvielfalt, die Kriege (ggf. mit Massenvernichtungswaffen), die fehlgeleiteten weltweiten Finanzströme, die Weltarmut, der Terrorismus und viele andere globale Probleme erfordern zur deren Lösung zukunftsfähige globale Regelungen, die noch ausstehen. Die sehr unvollkommene UNO bildet dafür immerhin ein Forum, das allerdings einer grundlegenden Reform bedarf.

Erdpolitik

Der Nachhaltigkeitsexperte und gegenwärtige Ko-Präsident des Club of Rome Prof. Dr. Dr. h.c. Ernst Ulrich von Weizsäcker schrieb 1989 das Buch „Erdpolitik - Ökologische Realpolitik an der Schwelle zum Jahrhundert der Umwelt“ und stellte später selbst die Beziehung zum Begriff „Weltinnenpolitik“ seines Vaters her: Erdpolitik lässt sich definieren als Weltinnenpolitik unter besonderer Akzentuierung einer globalen Umweltpolitik in Anbetracht der weltweiten ökologischen Krise. Weltinnenpolitik und Erdpolitik zielen auf eine Überwindung nationalstaatlicher Souveränität zu Gunsten „weltinnenpolitischer“/ “erdpolitischer“ Regelungen und Lösungen der Weltprobleme auf transnationaler Ebene, z.B. der UNO.

Weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft

Im Kontrast zum Bekenntnis des ultraliberalen Wirtschafts- Fundamentalismus´, der in erster Linie auf eine Profitsteigerung und Gewinnmaximierung zielt und sich von Regelungen durch die Politik möglichst weitgehend „neoliberal“ befreien will (Wirtschaftsnobelpreisträger (1976) Milton Friedman: „The social responsibility of business is to increase its profits.“, „The business of business is business.“) mit der Folge, dass die Umwelt immer mehr zerstört wird, die Ungleichheit zunimmt und die Reichen immer reicher werden, sieht sich die Ökosoziale Marktwirtschaft ( Ökologisch-soziale Marktwirtschaft) den Werten Nachhaltigkeit und globale Gerechtigkeit verpflichtet und fordert zur Realisierung dieser Werte von der Politik einen ordnungspolitischen Rahmen.

Zu den Unterstützern der Ökosozialen Marktwirtschaft gehören u.a.:

der Begründer der Friedensforschung Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Johan Galtung, der Öko-Philosoph Prof. Dr. Vittorio Hösle, der Theologe Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans Küng, der Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. Franz Josef Radermacher, der österreichische Ex-Vizekanzler Josef Riegler, der Ex-Weltumweltminister Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Töpfer, der Nachhaltigkeitsexperte Prof. Dr. Dr. h.c. Ernst Ulrich von Weizsäcker und als Organisationen die Global Marshall Plan Initiative http://www.globalmarshallplan.org und das Ökosoziale Forum http://www.oekosozial.at/oekosoziales-forum/ueber-uns/oekosoziale-marktwirtschaft/

 

Das planetarische Bewusstsein und der interkulturelle Humanismus bilden einen weltanschaulichen Rahmen für Weltethos und Erdcharta, die den moralischen Rahmen für Weltinnenpolitik und Erdpolitik und diese wiederum in Verbindung mit den Menschenrechten den politischen Rahmen für eine weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft bilden. Diese aufeinander aufbauenden Zukunftsvisionen zielen auf ein Zusammenleben auf unserem Heimatplaneten im Einklang mit der Natur und in der Vielfalt der Kulturen.

 

EINE VERTIEFENDE VERSCHRÄNKUNG DER ENKELTAUGLICHEN ZUKUNFTSVISIONEN DURCH:

"Interkultureller Humanismus als Hoffnung für das 21. Jahrhundert"

 

Interkultureller Humanismus als Hoffnung für das 21. Jahrhundert

Klaudius Gansczyk/Prof. Dr. Ram Adhar Mall (Ehren-und Gründungspräsident der Gesellschaft für interkulturelle Philosophie)
in: Global Marshall Plan Initiative (Hg.): "HOFFNUNG EUROPA – Strategie des Miteinanders" (deutsch)  und in: "Towards a World in Balance" (englisch), Hamburg 2006

 

Die sieben Todsünden der Menschheit:

  1. Reichtum ohne Arbeit
    2. Genuß ohne Gewissen
    3. Wissen ohne Charakter
    4. Geschäft ohne Moral
    5. Wissenschaft ohne Menschlichkeit
    6. Religion ohne Opfer
    7. Politik ohne Prinzipien

Mahatma Gandhi1

 

 „Verehrter Herr Gandhi,  

ich benutze die Anwesenheit Ihres Freundes in unserem Hause, um Ihnen diese Zeilen zu senden. Sie haben durch Ihr Wirken gezeigt, dass man ohne Gewalt Großes selbst bei solchen durchsetzen kann, welche selbst auf die Methode der Gewalt keineswegs verzichtet haben. Wir dürfen hoffen, dass Ihr Beispiel über die Grenzen Ihres Landes hinaus wirken und dazu beitragen wird, dass an die Stelle kriegerischer Konflikte Entscheidungen einer internationalen Instanz treten, deren Durchführungvon allen garantiert wird. Mit dem Ausdruck aufrichtiger Bewunderung" -

Albert Einstein2     
 
„Ich mache aber mal die Fiktion, die Phantasie, in tausend Jahren werde es noch eine Menschheit geben, die sogar noch etwas von der Geschichte weiß. An wen, wenn es ein einziger Mensch in unserem Jahrhundert ist, wird man sich positiv erinnern? So würde ich sagen: Mahatma Gandhi, der vorgeführt hat, dass man politische Ziele gewaltlos erreichen kann.“

Carl Friedrich von Weizsäcker3     
 
 
Die Wertschätzungen, die der jüdische Physiker Albert Einstein und der christliche Physiker, Philosoph und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker dem hinduistischen Politiker Mahatma Gandhi erweisen, deuten auf einen interkulturellen Humanismus hin, der unserer Auffassung nach innerhalb einer weltweiten Vielfalt von Religionen und Weltanschauungen als Orientierung für das 21. Jahrhundert dienen könnte und sollte. Unter Humanismus ist hier ein Streben nach echter Menschlichkeit, nach edlem, menschenwürdigen Denken, Fühlen und Handeln, nach Humanität zu verstehen. Nicht nur als Gebot der Vernunft, sondern auch als Gebot des Mitgefühls und nicht in anthropozentrischer Verengung, sondern auch unter Einbeziehung der Natur. „Interkultureller“ Humanismus bezeichnet dann eine Geisteshaltung, die darauf zielt, dass Humanität in allen Kulturen auffindbar ist. Aus den verschiedenen Kulturen lässt sich daher ein weltanschaulicher Minimalkonsens gewinnen, der als verbindliche Basis für das Zusammenleben auf unserem Planeten dienen und als solche akzeptiert werden kann.4     
 
Gandhi wird von vielen als eine der Symbolfiguren eines interkulturellen Humanismus wahrgenommen. Seine Lebensphilosophie5 wurde aus verschiedenen Quellen gespeist. Neben der indischen Tradition einschließlich des Buddhismus und des Jainismus, einer Weltanschauung, die auf absoluter Gewaltfreiheit auch gegenüber Tieren beruht, flossen in seinen Hinduismus die Gedanken der Parsen, der Christen und der Muslime ein. Gandhi gestand, dass er vom Westen viel gelernt habe, vom Jesus der Bibel, dem er folgen wollte, ohne den kirchlichen Anspruch auf die alleinige Sohnschaft Gottes anzunehmen, von Leo Tolstoi, den er verehrte, von den griechischen Klassikern Sokrates und Platon, die ihn beeindruckten, und von vielen anderen mehr. Seine religiöse und politische Genialität zeigte sich in seiner Fähigkeit zur Harmonisierung der westlichen Ideen mit der indischen Tradition. Gandhi ging auf dem Hintergrund seiner religiösen Überzeugungen aus ethisch-moralischen Gründen in die Politik und er wird dafür gerühmt, dass er dem Prinzip Nicht-Gewalt (ahimsa) zur politischen Macht verholfen hat. Das Jahrhunderte lang weltweit dominierende Gegenprinzip „Gewalt“ hat für ihn viele Gesichter, dessen schlimmste Form die Armut ist. Seine Ansichten von dem Primat des Ethischen, Moralischen, Solidarischen, Humanistischen und Politisch-Institutionellen können uns helfen, den Herausforderungen der gegenwärtigen Form der Globalisierung zu begegnen, ohne dass wir seine religiösen Überzeugungen teilen müssen. Seine Warnung vor den sieben Todsünden der Menschheit könnte für Religion, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur einen Weg zur Minimierung der Gefahren und Nachteile einer Globalisierung weisen, die die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher macht. Sein oft zitierter Gedanke „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier“ wird häufig als kleines moralisches Machtinstrument verwendet, um dem immer stärkeren Auseinanderklaffen zwischen gierigem Reichtum und Existenz bedrohender Armut entgegen zu wirken. Gandhi beharrte darauf, dass jeder die Tradition und Kultur, in die er geboren wurde, zu respektieren habe, verbunden mit einer ähnlichen Anerkennung anderer Traditionen. Auf sehr anschauliche Weise bringt er das Prinzip der Interkulturalität wie folgt zum Ausdruck: „Ich möchte nicht, dass mein Haus an allen Seiten zugemauert ist und meine Fenster alle verstopft sind. Ich will, dass die Kulturen aller Länder durch mein Haus so unbehindert wie nur möglich wehen. Doch weigere ich mich, von irgendeiner weggeweht zu werden.“6     
 
Einen interkulturellen Humanismus vertritt auch die interkulturelle Philosophie, die mit der Globalisierung nach Beendigung des Kalten Krieges zunehmend an Bedeutung gewinnt und an der Philosophen aus Europa, den USA, Lateinamerika, Indien, China, Japan und Afrika einschließlich der arabischen Länder mitwirken.7 Unter weltanschaulichem Aspekt betrachtet klärt die interkulturelle Philosophie die Auffassungen der einzelnen Kulturen vom Verhältnis des Menschen zur Natur oder zum Kosmos, wie zum Beispiel die griechische, chinesische, indische oder indianische Verbundenheit mit dem Kosmos, von der die Menschheit des 21. Jahrhunderts gemeinsam lernen könnte. Die wissenschaftlich-technische Beherrschung der Natur, die in einem anthropozentrischen Interessenwahn zu wenig Rücksicht auf die Interessen der Lebensvielfalt nimmt, ließ den modernen Menschen vergessen, dass die Welt der großen Natur ohne uns denkbar ist, aber nicht die Welt des Menschen ohne die der Natur. Die Auswirkungen der anthropozentrischen Rücksichtslosigkeit schlagen in Form einer Gefährdung des Weltklimas, im Verlust der Artenvielfalt und in Form von anderen Bedrohungen des komplexen ökologischen Gleichgewichts auf den Menschen zurück. Die interkulturelle Philosophie lehnt – mit großem Respekt für die Erfolge der Naturwissenschaften und der Technik, aber mit ebenso großem Respekt für die Weisheiten in den verschiedenen Kulturen – eine Naturbeherrschung in Form von Ausbeutung und Plünderung zu Lasten zukünftiger Menschheitsgenerationen, aber auch zu Lasten der nichtmenschlichen Mitwelt als anthropozentrische Verirrung ab. Die Weisheiten der Philosophien der Kulturen der Welt könnten durch „holistische“ Betrachtungsweisen zu einem Ausweg aus der Problemlage beitragen, indem sie den Menschen mahnen, die oft dominierenden Ego-Zentrismen, Ethno-Zentrismen, aber auch die Anthropo-Zentrismen zu überwinden und das „Eingebettetsein“ des Menschen in der Natur zu begreifen. Weder ein plumpes „Zurück zur Natur“ noch ein alleiniges „Zurück zur Kultur“, sondern ein „Zurück zur Natur über den Umweg der Kultur“, verbunden mit der Einsicht in die unaufhebbare Schicksalsgemeinschaft aller Wesen in dem einen großen Haushalt der kosmischen Natur zu gehören, könnte zu einem zukunftsfähigen Zusammenleben auf unserem gemeinsamen Heimatplaneten Erde führen.8 In Albert Einsteins „kosmischer Religiosität“, mit der der geniale Physiker voller Demut und Bescheidenheit, voller Bewunderung und Ehrfurcht, ja voller Liebe über die Natur spricht,9 begrüßt die interkulturelle Philosophie viele weltanschauliche Parallelen. In Carl Friedrich von Weizsäcker sieht sie einen Verbündeten, der die Vielheit der Kulturen und Religionen in Analogie zur Vielfalt des organischen Lebens als Reichtum würdigt und sowohl einen Synkretismus, der die Stärken einzelner Kulturen verwischt als auch eine monokulturelle Diktatur ablehnt.10     
 
Unter ethisch-moralischem Aspekt folgt die interkulturelle Philosophie Mahatma Gandhis Einsicht von der Notwendigkeit des Primats des Ethischen, Moralischen, Solidarischen und Humanistischen über das Politische. Zu den Aufgaben einer „Philosophie im Vergleich der Kulturen“ gehört es, die Ethiken der verschiedenen Kulturen einschließlich ihrer Argumentationsmuster, die Ethosformen und die gelebten Moralvorstellungen in einem Dialog der Kulturen im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu untersuchen und die Gemeinsamkeiten (Überlappungen) mit dem Fernziel ins Bewusstsein zu rücken, dass der moralische Anspruch eines guten Zusammenlebens der unterschiedlichen Kulturen in Zukunft gestärkt wird. Mit Hans Küngs Weltethosidee, die aus den verschiedenen Weltkulturen gemeinsame Wertvorstellungen herausarbeitet11 und die aus Sorge um eine gefährdete Welt multikulturell begrüßt wird12, liegt eine auf einem interkulturellen Minimalkonsens beruhende Formulierung eines „Überlappungsethos“ vor, die die interkulturelle Philosophie von Anfang an konstruktiv-kritisch begleitete und begrüßte, ohne die erhellenden Differenzen zwischen den verschiedenen Ethiken zu vernachlässigen.13 Die „Erdcharta“14 interpretiert die interkulturelle Philosophie als eine fruchtbare, die Nachhaltigkeit besonders einfordernde Ergänzung zu einem globalen Ethos. Unter weltpolitischem Aspekt unterstützt die interkulturelle Philosophie in Anbetracht der Tatsache, dass viele Weltprobleme nur noch auf internationaler und interkultureller Ebene gelöst werden können, ein „Global Governance System“ unter der Leitung der UNO, sofern es hinsichtlich der Menschenrechte und Menschenpflichten von einem interkulturell und international abgestimmten Konsens getragen wird, bei dem nicht nur die Freiheits-, sondern insbesondere auch die Existenzrechte und die sozialen Rechte der Erdenbürger eine tragende Rolle spielen. Unter weltwirtschaftlichem Aspekt plädiert die interkulturelle Philosophie für ein Primat des interkulturell konsensfähigen, auf eine globale Ethik gegründeten Global Governance System, das die Macht hat, die Lösung der anstehenden Weltprobleme durch Entscheidungen anzugehen, deren Durchführung wie Einstein in seinem oben angeführten Brief an Gandhi erhofft hat, von allen garantiert wird. Unter zivilgesellschaftlichem, insbesondere auch unter pädagogischem Aspekt fördert die interkulturelle Philosophie die Ausbildung eines planetarischen Bewusstseins, das die moralische Macht entfaltet, die Weltpolitik und die Weltwirtschaft zur Lösung der Weltprobleme im Geiste eines interkulturellen Humanismus zu drängen.15     
 
Welche Rolle könnte nun Europa auf dem Weg in eine von einem interkulturellen Humanismus getragene Zukunft spielen, in der die moralische Macht der Nicht-Gewalt das welthistorisch hochwirksame Gegen-Macht-Geflecht aus direkter, struktureller und kultureller Gewalt, das der norwegische Friedensforscher Johan Galtung durch Untersuchung verschiedener Kulturen aufgespürt hat, überwindet?16Welche Rolle könnte also Europa dabei spielen, dass kulturelle Gewalt weltweit nicht mehr mit Hilfe von Weltanschauungen, Ideologien, Religionen und anderen geistigen Sytemen strukturelle und direkte Gewalt als gottgewollt, geschichtsnotwendig, politisch alternativlos oder wirtschaftlich zwingend geboten rechtfertigt bzw. legitimiert? Inwieweit könnte Europa dazu beitragen, dass die Menschheit auf einer neuen, historisch noch nie genutzten Ebene ihre Lebensgrundlagen bewahrt, einen Frieden mit der Natur schließt, durch mehr globale Gerechtigkeit die strukturelle Gewalt der globalen Apartheid17 überwindet und einen Frieden mit friedlichen Mitteln auch unter den Menschen in der Vielfalt der Religionen und anderer Glaubenssysteme aufbaut?     
 
Die Hoffnung, die die interkulturelle Philosophie in Europa setzt, besteht darin, dass der lange gepflegte „Eurozentrismus“, der sich in weltanschaulicher, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht über den Globus, nicht selten mit unfriedlichen Mitteln verbreitet hat, im 21. Jahrhundert der Vergangenheit angehören wird. In seinem viel diskutierten Buch „Kampf der Kulturen (The Clash of civilizations)“ gibt der amerikanische Politologe S.P. Huntington einen geschichtlichen Rückblick auf den vom geographischen Europa ausgehenden und auf Amerika übergreifenden Imperialismus, der im 19. und 20. Jahrhundert als westliche Vorherrschaft Asien, Indien, Lateinamerika und große Teile Afrikas kulminierte. Huntington gelangt zu dem Fazit: „400 Jahre lang bedeuteten interkulturelle Beziehungen die Anpassung anderer Gesellschaften an die westliche Kultur“. Als Schlüssel zum Erfolg für den Aufstieg des Westens führt er an: „Der Westen eroberte die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion (zu der sich nur wenige Angehörige anderer Kulturen bekehrten), sondern vielmehr durch seine Überlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt.“18 Mit Blick auf das kollektive Weltgedächtnis fügt Huntington mahnend hinzu: „Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals.“     
 
Im 20. Jahrhundert demonstrierten die beiden Weltkriege das grausame Ausmaß der Vorherrschaft der organisierten Gewalt. Am Ende des Zweiten Weltkrieges errichtete die Entwicklung der Atombombe ein Mahnmal für die Zukunft, so dass der Kulturphilosoph Arthur Koestler den Tag des Atombomben-Abwurfs auf Hiroshima als das wichtigste Datum der Menschheitsgeschichte würdigte,da von da an der Mensch mit der Aussicht auf seine Vernichtung als Spezies leben muss.19 Die durch die Hiroshima- und Nagasaki- Atombomben zunächst nur symbolhaft angedeutete Möglichkeit einer Selbstvernichtung der Menschheit entwickelte sich durch die Anhäufung von Massenvernichtungswaffen beim Wettrüsten während des Kalten Krieges von 1945 bis 1989 zu einer realisierbaren Option, die auch nach der Beendigung des Kalten Krieges fortexistiert. Unter Huntingtons Optik lässt sich dieses Wettrüsten als ein Streben nach Überlegenheit in der möglichen Anwendung von organisierter Gewalt auffassen, aus dem der Westen nach wie vor, nun mit der Supermacht USA als Zentrum, als militärisch und wirtschaftlich weit überlegener Sieger hervorging.20 Dabei ist in Anlehnung an Gandhi und Galtung hervorzuheben, dass nicht nur militärische Macht, sondern auch Wirtschaftsmacht nicht selten auf struktureller Gewalt beruht, die durch kulturelle Gewalt mit Hilfe wirtschaftsfundamentalistischer Theorien legitimiert werden kann. Die Beziehung zwischen der wirtschaftlichen und der militärischen strukturellen Gewalt bringt der amerikanische Globalisierungsexperte Thomas L. Friedman, Leitartikler der New York Times, in die einprägsame Formel: „Die unsichtbare Hand des Marktes kann ohne eine unsichtbare Faust nicht arbeiten“ und erläutert unmissverständlich: „McDonalds kann nicht gedeihen ohne McDonnell Douglas, die für die US Air Force die F-15 bauen. Die unsichtbare Faust, die dafür sorgt, dass die Technologie des Silicon Valley blüht, besteht aus dem Heer, der Luftwaffe der Marine und der Marineinfanterie der Vereinigten Staaten. Und diese Streitkräfte werden mit den Dollars der US-amerikanischen Steuerzahler bezahlt.“21 Die „unsichtbare Hand des Marktes“ hat einem großen Teil der Menschheit aus einem menschenunwürdigen Elend bislang nicht heraushelfen können und die „unsichtbare Faust“ hat schon viele tiefe Wunden geschlagen. In Europa allerdings entwickelte sich während des Kalten Krieges inmitten eines weltweiten Meeres von Gewalt, Hass, Krieg, Armut und Elend eine der wenigen Inseln des Friedens und Wohlstands: Erzfeinde versöhnten sich nicht nur, sondern kooperierten sogar. Es entstanden stabile Demokratien, die dieSchwachen vor den Starken und Mächtigen schützten. Soziale Standards verbesserten die Arbeits- und Lebensbedingungen auch der Schwachen. Ökologische Standards schützten immer mehr die Natur. Nicht nur innerstaatlich verbesserte sich die Lage der Schwachen. Bei der Zusammenarbeit zwischen den europäischen Staaten wurde immer mehr ein gemeinsamer Lebens-Rahmen von Regeln vereinbart, so dass das Recht über die Macht dominiert. Auch hier unterstützten die Stärkeren die Schwächeren, nun auf zwischenstaatlicher Ebene, z.B. durch Kofinanzierung. Die Europäische Union entstand und wird zurzeit noch immer erweitert. Historisch betrachtet verhielten sich die Staaten in der Zeit nach dem Weltkrieg, als ob Europa sich mit über 170-jähriger Verspätung an seinem großen Philosophen Immanuel Kant orientieren würde, der in seinen geschichtsphilosophischen Betrachtungen 1784 schrieb: „Man kann die Geschichte der Menschengattung im großen als die Vollziehung eines verborgenen Plans der Natur ansehen, um eine innerlich - und zu diesem Zwecke auch äußerlich - vollkommene Staatsverfassung zu Stande zu bringen, als den einzigen Zustand, in welchem sie alle ihre Anlagen in der Menschheit völlig entwickeln kann.“22 Europa ist auf dem Wege, die von Kant theoretisch geforderte Verschränkung zwischen gelungenen zwischenstaatlichen Beziehungen und innerstaatlichen Verbesserungen zum Wohl der in den Staaten lebenden Menschen in die Praxis umzusetzen. Zu hoffen ist, dass es auf diesem Wege bleibt und keine Rückfälle in gewaltbeherrschte Zeiten erleidet.     
 
Planetarisch betrachtet wuchsen während der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Konflikte heran, die immer wieder mit kriegerischen Mitteln ausgetragen wurden, so dass die Sprache der Gewalt nach wie vor das Antlitz der Erde prägt. In den Belastungen, die die ökologische Tragfähigkeit der Erde im Hinblick auf eine Nachhaltigkeit bzw. eine selbstregulierte Erholung bereits überschritten hat23, tauchten weitere Gefahren, nun als Gewaltformen gegen die Natur auf, die langfristig das Weiterleben und erst recht das Wohlleben nicht nur der Menschheit, sondern auch der Mitwelt in Frage stellen. Das 20. Jahrhundert hat dem neuen Jahrtausend ein komplexes Geflecht von meist menschenverursachten Problemen übergeben, bestehend aus Klimaveränderungen, Ozonloch, Umweltgifte, Waldsterben, Wüstenbildungen, Artensterben, Missachtung der Menschenwürde, Überbevölkerung, Welthunger, Wasserknappheit, Armutsmigration, ethnischen Säuberungen, Massenarbeitslosigkeit, Kriege, Staatsterror, Terrorismus, gewalttätiger Fundamentalismus, Massenvernichtungsmittel, exotische Waffen, Rüstungsexport um nur einige zu nennen, so dass die berechtigte Frage gestellt werden kann, ob das Problemgeflecht von gordischer Komplexität überhaupt noch zu lösen ist.24 Aus der Sicht der interkulturellen Philosophie wird das Leben und Sterben im 21. Jahrhundert ganz entscheidend von der Art der Begegnung der verschiedenen Völker, Nationen, Staaten und Kulturen abhängen, ganz besonders auch davon, ob es der Weltgemeinschaft gelingen wird, die zwangsläufig sich ergebenden Konflikte bei der Verteilung der globalen Güter mit den noch historisch jungen Methoden der „Nicht-Gewalt“ zu lösen oder ob sie auf die Jahrhunderte lang vertrauten Methoden der „organisierten Gewalt“ zurückgreifen wird, was in Anbetracht der zur Verfügung stehenden Gewaltpotenziale zu ihrem Untergang führen kann.     
 
Als Ausweg aus den planetarischen Bedrohungen erhebt der US-Präsidentschaftsmitbewerber von 2001 Al Gore in seinem Buch Wege zum Gleichgewicht – Ein Marshallplan für die Erde für die Politik nach Beendigung des Kalten Krieges die Forderung: „Es gilt, die Rettung der Umwelt zum zentralen Organisationsprinzip unserer Zivilisation zu machen.“25 Die Größe dieser Aufgabe verdeutlicht er, indem er sie mit zwei anderen zentralen Organisationsprinzipien vergleicht, nämlich mit dem Kampf gegen den Faschismus, der erst mit dem zweite Weltkrieg endete, und mit dem Kampf gegen den Kommunismus, der durch den Fall der Mauer besiegelt wurde. Auf diese beiden großen Ziele seien alle gesellschaftlichen Kräfte, Wissenschaft und Technik, Finanzen und Wirtschaft, Politik und Ideologie ausgerichtet worden. Nach dem Kalten Krieg sollten nun alle Anstrengungen der Herstellung des globalen Gleichgewichts gelten.26Wie der Marshallplan der USA von 1947/48 denWiederaufbau Europas stärkte, so soll ein „Marshallplan für die Erde“ gegen die ökologischen Bedrohungen erfolgreich sein. Im Kontrast zu Al Gores Forderung zeichnet sich nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 ab, dass US-Präsident George W. Bush den Kampf bzw. den Krieg gegen den Terrorismus zum „zentralen Organisationsprinzip“ erhebt. Den Vereinten Nationen sagte Bush voraus, dass sie in die Bedeutungslosigkeit fallen würden, wenn sie die USA im Krieg gegen den „Schurkenstaat“ Irak nicht unterstützten. 27 In seiner Rede vom 29.1.2002 vor dem US-amerikanischen Kongress formulierte er als oberste Leitziele für seine Politik: die Sicherheit der USA durch einen Krieg gegen den Terrorismus einerseits und die Neubelebung der Wirtschaft andererseits. 28 Im Kampf gegen das Böse29 schreibt er den USA sendungsbewusst als neue historische Aufgabe zu: „In a single instant,we realized that this will be a decisive decade in the history of liberty, that we have been called to a unique role in human events.“30 Im Sommer 2002 entwickelte die US-Regierung eine Doktrin, in der sie sich das Erstschlagsrecht – in Form von präemptiven Militärschlägen – gegen „Schurkenstaaten“ vorbehielt, womit sie das geltende Völkerrecht beiseite schob31 und vor der gesamten Weltöffentlichkeit demonstrierte, dass Macht vor Völkerrecht geht.32 Kurz vor dem Kriegsbeginn gegen den Irak meldete sich Kofi Annan am 10. März 2003 diesbezüglich zu Wort und stellte fest, dass ein militärischer Angriff der USA und deren Verbündeten nicht im Einklang mit der UN-Charta stünde.33 Nach dem Irakkrieg im Herbst 2003, sprach Kofi Annan im Rückblick von einer „unilateralen und gesetzeswidrigen Anwendung von Gewalt“ und bewertet die präemptive Vorgehensweise der US-Regierung, indem er auf die Erschütterung der Fundamente der Vereinten Nationen hinweist: „Diese Logik stellt eine fundamentale Herausforderung für die Prinzipien dar, auf denen, wie unvollkommen sie auch sein mögen, der Weltfrieden in den vergangenen 58 Jahren ruhte.“34 In der Politik der Gegenwart, so Kofi Annan, hat bereits der Kosovo-Krieg von 1999 die Tendenz offenbart, den Sicherheitsrat der UNO nicht in die Bemühungen zur Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit einzubeziehen und damit die Unzulänglichkeiten der weltpolitischen Institutionen zur Sicherung des Weltfriedens entlarvt, so dass der UN-Generalsekretär sogar vor einem „gefährlichen Weg in die Anarchie“ warnte.35 Wenn der Präsident der größten Supermacht der Weltgeschichte den „Kampf der Freiheit“ mit einem Auftrag der Geschichte legitimiert, so klingen in Verbindung mit dem Weltgedächtnis insbesondere bei den Nichtwestlern die Alarmglocken. Bildet diese Bezugnahme auf den Auftrag der Geschichte im Kampf der Freiheit ein weiteres Beispiel für kulturelle Gewalt, um im Stile vergangener Jahrhunderte die Anwendung von struktureller und direkter Gewalt zu legitimieren? Der Irakkrieg lässt kaum noch Zweifel zu.36 Im 21. Jahrhundert wird es von entscheidender Bedeutung sein, ob sich insbesondere auch die Supermacht der Weltgemeinschaft, die durch die UNO repräsentiert wird, unterordnet oder ob der bereits zitierte amerikanische Globalisierungsexperte Thomas L. Friedman Recht hat, wenn er diagnostiziert: „Der wichtigste Grund, warum die Vereinigten Staaten die UNO und den IWF, die Weltbank und die verschiedenen Welt-Entwicklungsbanken brauchen, ist der, daß die USA über diese Institutionen ihre Interessen fördern können, ohne dafür immer und überall Leben und Geld von US-Amerikanern aufs Spiel zu setzen.“ 37     
 
Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Kofi Annan zum 60. Jubiläum der Vereinten Nationen in Verbindung mit seinem Bericht „In larger Freedom“ an die UN-Generalversammlung in einem dramatischen Appell dringend notwendige Reformen anmahnte: „These are not theoretical issues, but issues of deadly urgency. If we do not reach a consensus on them this year and start to act on it, we may not have another chance.This year, if ever, we must transform the United Nations into the effective instrument for preventing conflict that it always meant to be by acting on several key policy and institutional priorities.“38  Allerdings erzielte der Jubiläumsgipfel vom 14. bis16. September 2005 nur einen Minimalkonsens und blieb weit hinter den Erwartungen des UN-Generalsekretärs zurück.39      Die entscheidende Frage bleibt also offen, ob esden Staaten in Zukunft gelingen wird, die noch schwach gehaltenen und unzureichend ausgestatteten Vereinten Nationen zu einem „effektiven Instrument zur Verhinderung von Konflikten“ zu reformieren und auf einen Interessensausgleich durch einen „wirklichen Frieden“ hinzuwirken40, zu dem laut Kofi Annan auch wirtschaftliche Entwicklung, soziale Gerechtigkeit, Schutz der globalen Umwelt, Eindämmung des weltweiten Waffenhandels, Demokratie, Vielfalt und Würde, Achtung der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit und vieles mehr gehören.41 Zur Realisierung solch eines „wirklichen Friedens“ fordert der UN-Generalsekretär explizit auch die Einbeziehung und Unterstützung zivilgesellschaftlicher Kräfte ein, die den dringend erforderlichen Handlungsumschwung durch Bewusstseinsschärfung und öffentlichen Druck fördern könnten.     
 
Zu den zivilgesellschaftlichen Kräften gehört auch die Global Marshall Plan / Planetary Contract Initiative, die in dem Nachkriegs-Europa ein Erfolgsmodell für eine weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft sieht. Die Initiative fühlt sich Kofi Annans Manifest für den Dialog der Kulturen – Brücken in die Zukunft42 verpflichtet und basiert daher ebenfalls auf einem interkulturellen Humanismus. Franz Josef Radermacher, einer der Vordenker der Global Marshall Plan Initiative, weist in seinem Buch Balance oder Zerstörung43 auf die Notwendigkeit einer „Weltinnenpolitik“ hin, die in Zeiten der Globalisierung die Regelwerke der Weltökonomie kontrollieren müsse.44 Der von Carl Friedrich von Weizsäcker geprägte Begriff „Weltinnenpolitik“ überwindet die klassische Trennung von Außen- und Innenpolitik souveräner Staaten und verdichtet deren Beziehungen auf einer neuen integralen Ebene zu einer unauflösbaren Verflechtung, die das politische Geschehen auf dem Planeten Erde als Ganzes in den Blick nimmt. Damit greift von Weizsäcker die bereits zitierte, von Immanuel Kant vorgedachte Verschränkung zwischen Außenpolitik und Innenpolitik auf, die von der Europäischen Union nach und nach in konkrete politische Wirklichkeit umgesetzt wird. Kants Schrift Zum ewigen Frieden45 zur Folge, könnten fortschrittliche Regelungen in Form von politischen Vereinbarungen oder Verträgen die Menschengattung zu einem „weltbürgerlichen Zustand“ hinführen, in dem das Zusammenleben der Staaten durch eine möglichst vollkommene globale Verfassung geregelt sein wird, die wiederum auf die Verfassungen der Einzelstaaten so positiv zurückwirkt, dass die Individuen in den Einzelstaaten erst dann ihre Anlagen voll entfalten können.46 Aus der Sicht der interkulturellen Philosophie plädieren wir dafür, dass die mächtigen, die gegenwärtige Form der Globalisierung beherrschenden „Regelwerke der Ökonomie“ nicht als wirtschaftsfundamentalistische Letztbegründungsinstanz fungieren dürfen, sondern von übergeordneten „weltinnenpolitischen“, „weltethischen“, einem interkulturellen Humanismus verpflichteten Regelwerken kontrolliert und gezähmt werden müssen.47     
 
Im Einklang mit Kofi Annans Manifest für den Dialog der Kulturen, der Weltethosidee und der Erdcharta, unterstützt die Global Marshall Plan / Planetary Contract Initiative die UNO darin, die mächtigen Gestaltungskräfte der Globalisierung – die Politik, die Wirtschaft und die Finanzwelt – für ein international und interkulturell anerkanntes Global Governance System und ein zukunftsfähiges Zusammenleben der Erdenbürger, orientiert an globaler Gerechtigkeit, an Nachhaltigkeit und an einem Frieden mit friedlichen Mitteln, zu gewinnen. Die Orientierung an einer globalen Gerechtigkeit könnte zur Überwindung von Hunger, Armut und Krankheiten führen und die Grundlagen für ein sinnerfülltes Leben in kultureller Vielfalt legen. Die Orientierung an der Nachhaltigkeit zeigt sich verantwortlich, auch für zukünftige Generationen und strebt ein harmonisches Leben im Einklang mit der Natur an. Die Verwirklichung von Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit könnte nach dem 20. Jahrhundert – „vielleicht das todbringendste in der Menschheitsgeschichte, zerrüttet von zahllosen Konflikten, unsäglichem Leid und unvorstellbaren Verbrechen“,48 das zu oft auf gewalttätiger Menschen – und Naturbeherrschung beruhte, im neuen – bislang nicht weniger brutalen Jahrhundert, auch die Wahrscheinlichkeit für einen Frieden mit friedlichen Mitteln in und mit der Natur erhöhen. Der Wandel ist möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich. Das Unwahrscheinliche verdient eine Chance. Die Global Marshall Plan / Planetary Contract Initiative wird daher auch von der Gesellschaft für interkulturelle Philosophie unterstützt.49    

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Verweise im Text:

  1. Wir widmen unseren Beitrag in dankbarer Erinnerung an schöne, humorvolle und lebensfreudige Gespräche dem Gedenken an Karl Konrad Graf von der Groeben-Ponarien, dem Gründer der Stiftung Weltethos. Die Werte Mahatma Gandhis trug er als erfolgreicher Unternehmer zur Orientierung und Mahnung stets bei sich. 
  2. Brief Albert Einsteins an Mahatma Gandhi, im Privatbesitz und mit freundlicher Genehmigung von Saraswati Albano-Müller (geborene Sundaram), der Tochter des von Einstein in dem Brief erwähnten Freundes. 
  3. in: Bartosch, Ulrich (1995):Weltinnenpolitik. Berlin, S. 476. 
  4. vgl. Geerk, Frank (1995): Kongress der Weltweisen – Ein Lesebuch des Humanismus. Düsseldorf, S.21-25. 
  5. vgl. Mall, Ram Adhar (2005): Mahatma Gandhi interkulturell gelesen. Nordhausen. 
  6. zitiert nach: Ebenda, S.45. 
  7. vgl.: www.int-gip.de 
  8. vgl. Mall, R.A. (2000): Mensch und Geschichte – Wider die Anthropozentrik. Darmstadt, 184 -190
  9. vgl. Einstein, Albert in: Seelig, Carl (Hg.) (1991): Albert Einstein, Mein Weltbild. Frankfurt am Main, S. 21-29.
  10. vgl.:Weizsäcker, Carl Friedrich von (1992): Zeit und Wissen. München (Hanser), S.520.
  11. vgl. Küng/Kuschel (Hg.) (1993): Erklärung zum Weltethos – Die Deklaration des Parlamentes der Weltreligionen. München. 
  12. vgl. Küng, Hans (Hg.) (1995): Ja zum Weltethos. München. 
  13. vgl. Mall, Ram Adhar: Philosophische Reflexionen zum „Projekt Weltethos“. in: Jaspert, B. (Hg.) (1994): Hofgeismarer Protokolle 299; Küng, Hans (1992): Projekt Weltethos. Hofgeismar; vgl.Mall, Ram Adhar: Interkulturalität und Interreligiosität, in: Rehm, J. (Hg.):Verantwortlich leben in der Weltgemeinschaft. Gütersloh. 
  14. siehe: www.earthcharter.org 
  15. vgl. Gansczyk, K.: Zukunftsfähige Visionen in der Bildungspraxis. in: Scheidgen, Hintersteiner und Nakamura (2005): Philosophie, Gesellschaft und Bildung in Zeiten der Globalisierung. Amsterdam-New York, S.298ff . 
  16. vgl. Galtung, J.(1998): Frieden mit friedlichen Mitteln. Opladen. 
  17. vgl. Radermacher, F. J. (2002): Balance oder Zerstörung-Ökosoziale Marktwirtschaft als Schlüssel zu einer weltweiten nachhaltigen Entwicklung.Wien, S. 119. 
  18. vgl. Huntington, S. P. (1997): Kampf der Kulturen (The Clash of Civilizations). München/Wien, S.67f.
  19. vgl. Koestler,A. (1978): Der Mensch – Irrläufer der Evolution. Bern/München, S.1. 
  20. vgl. Gansczyk, K.: Zukunftsfähige Visionen in der Bildungspraxis. a.a.O., S.288. 
  21. Friedman,T. L. (2000): Globalisierung verstehen, Zwischen Marktplatz und Weltmarkt. München, S. 571. 
  22. Kant, I. (1964): Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht. in: Immanuel Kant,Werke, Sechster Band. Frankfurt am Main, S.45 (A 404). 
  23. vgl. z.B. Dürr, H.-P. (2002): Für eine zivile Gesellschaft. München, S. 130, 154f., auch: http://www.gcn.de/download/D15KW.pdf. Vgl. auch: Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie (2005), Fair Future – Begrenzte Ressourcen und Globale Gerechtigkeit. München, S. 62f; dort wird die bereits gegenwärtige Überbelastung der Biosphäre mit 20 Prozent angegeben! 
  24. Vgl. Lutz, D.: Weltinnenpolitik – Zurückgeworfen auf das Jahr 1982 – Kriegsverhütung und/oder Konfliktverhütung? In: Bartosch/Wagner ( 1998):Weltinnenpolitik. Münster, S. 134 u. 136. 
  25. vgl. Gore,A. (1992):Wege zum Gleichgewicht – Ein Marshallplan für die Erde. Frankfurt am Main, S.267-274. 
  26. vgl.: Gore, A.:Wege zum Gleichgewicht. S. 267. 
  27. siehe: Bauer, F. (2005): Kofi Annan – Ein Leben. Frankfurt am Main, S. 255. 
  28. vgl. George W. Bushs Rede vom 29.1.2002 vor dem amerikanischen Kongress: http://www.whitehouse.gov/news/releases/2002/01/20020129-11.html 
  29. vgl.Yousefi,H.R./Braun I. (2005): Interkulturelles Lernen oder Achse des Bösen. Nordhausen. 
  30. vgl. George W. Bushs Rede vom 29.1.2002 vor dem amerikanischen Kongress, a.a.O. 
  31. siehe: Bauer, F.: a.a.O. S. 253. 
  32. vgl.Yousefi,H.R./Braun I. (2005): Interkulturelles Lernen oder Achse des Bösen. Nordhausen. 
  33. Bauer, F.: a.a.O. S. 262 
  34. Bauer, F.: a.a.O. S. 275 
  35. Annan, K. (2003): Unvollendeter Weg – Die UNO im 21. Jahrhundert. Hamburg/Ravensburg , S. 74 u. 76. 
  36. Der US-Außenminister von 2003, Collin Powell, der den Irakkrieg in der UNO vor der Weltöffentlichkeit legitimierte gestand zwei Jahre später ein, dass seine Legitimierung auf falschen Informationen beruhte und daher ein „Schandleck in seiner Karriere“ sei. Das werde immer Teil seines Lebenslaufes sein. „Es war schmerzlich. Es ist jetzt schmerzlich“, sagte der ehemalige Außenminister in dem Interview mit dem Sender ABC. Siehe: Süddeutsche Zeitung vom 9.9.05 ( www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/238/60178/print.html). 
  37. Friedman,T. L.: a.a.O., S. 572.
  38. siehe: http://www.un.org/largerfreedom 
  39. vgl. Süddeutsche Zeitung vom 15.9.05. 
  40. Die Skepsis ist begründet: Eine hochrangige Kommission unterbreitete bereits 1997 der UNO Reformvorschläge, die jedoch nicht zur Umsetzung gelangten.Vgl.:The Report of the Independent Working Group on the Future of the United Nations, New York (Ford Foundation), 1997. 
  41. vg.: Annan, K. (2003): Unvollendeter Weg – Die UNO im 21. Jahrhundert, Hamburg/Ravensburg , S. 61. 
  42. Annan, K. (2001): Brücken in die Zukunft – Eine Initiative von Kofi Annan, Frankfurt am Main. Original: Crossing the Divide. Dialogue among Civilisations. New Jersey, South Orange. 
  43. Radermacher,F. J.: Balance oder Zerstörung – Ökosoziale Marktwirtschaft als Schlüssel zu einer weltweiten nachhaltigen Entwicklung,Wien 2002. 
  44. Ebenda, S. 121. 
  45. vgl: Kant, I.: Zum ewigen Frieden – ein philosophischer Entwurf. in: Weischedel,Wilhelm (1964) (Hg.): Immanuel Kant,Werke, sechster Band, Frankfurt am Main. 
  46. vgl.: Gerhardt,V. (1995): Immanuel Kants Entwurf zum Ewigen Frieden, Darmstadt , S.232: „Die künftige Politik, auch wenn sie weiterhin von souveränen Staaten betrieben wird, kann gar nichts anderes als Weltinnenpolitik sein“. 
  47. vgl. auch : Radermacher, F. J. (2002): Balance oder Zerstörung, a.a.O. S. 192 f. 
  48. aus Kofi Annans Friedensnobelpreisrede, in:Annan, Kofi: UNvollendeter Weg, S. 86. 

siehe: http://www.int-gip.de